
„Keine Wirkung ohne Risiko?“ – Was die neue SKLM-Studie zu CBD verschweigt
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Inhaltsverzeichnis
Cannabidiol, kurz CBD, hat es weit gebracht. Innerhalb weniger Jahre ist der nicht berauschende Hanfbestandteil vom Nischenextrakt zur Lifestyle-Zutat geworden – erhältlich als CBD-Öl, Kapsel, Gummibärchen oder Badezusatz. Die Versprechen klingen verlockend: weniger Stress, besserer Schlaf, weniger Schmerzen, mehr Balance. Während der Markt boomt, ist die Studienlage zur Wirkung in niedriger Dosierung überschaubar – aber nicht nicht existent. Das allein ist nicht ungewöhnlich. Auch andere Pflanzenextrakte, von Kurkuma bis Ashwagandha, basieren in der Alltagsanwendung oft auf Erfahrungswerten und selektiver Studieninterpretation.
Die in diesem Beitrag genannten Informationen dienen ausschließlich der neutralen Wissensvermittlung und stellen keine medizinische Beratung oder Empfehlung zur Einnahme von CBD-Produkten dar. CBD ist in der Europäischen Union als sogenanntes „Novel Food“ eingestuft. Produkte mit CBD dürfen nicht mit konkreten Heilaussagen beworben werden. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Fragen zur Anwendung sollte stets ärztlicher Rat eingeholt werden.
Mit ihrer aktuellen Bewertung warnt die Ständige Senatskommission zur Lebensmittelsicherheit (SKLM) der DFG nun eindringlich vor gesundheitlichen Risiken – insbesondere bei der Leber –, ohne gleichzeitig mögliche gesundheitliche Vorteile im typischen Dosisbereich anzuerkennen. Die Folge: Die Kommission spricht dem Wirkstoff pauschal den Nutzen als Nahrungsergänzungsmittel ab und sieht potenziell ernste Nebenwirkungen.
1. Was die SKLM-Studie untersucht hat – und was nicht
Die SKLM-Studie verfolgt ein klares Ziel: Sie soll klären, ob der Konsum von CBD-haltigen Lebensmitteln – insbesondere CBD-Ölen mit 5 bis 40 % Wirkstoffanteil – in üblichen Dosierungen gesundheitliche Risiken birgt oder positive Effekte belegt sind. Dazu wurde die verfügbare Literatur gesichtet, insbesondere Studien mit hochreinem CBD (ca. 98 %), das oral verabreicht wurde – und zwar in einer Dosierung von bis zu 300 mg pro Tag.
„The focus was on human studies in which pure CBD (approx. 98%) was administered orally to healthy individuals […] Studies in patients with a focus on medical use were generally excluded.“
In diesem Satz stecken gleich zwei methodische Einschränkungen, die sich wie ein roter Faden durch die Bewertung ziehen:
Erstens wurde ausschließlich hochreines CBD (also kein Vollspektrum- oder Breitspektrum-Extrakt) berücksichtigt – also genau jene Form, die in frei verkäuflichen CBD-Ölen gar nicht oder nur selten vorkommt. Viele Produkte auf dem Markt enthalten natürliche Hanfextrakte mit einem breiten Spektrum an Cannabinoiden, Terpenen und anderen Pflanzenstoffen – Stoffe, die nachweislich die Wirkung von CBD beeinflussen können (Stichwort Entourage-Effekt). Diese reale Produktvielfalt bleibt in der Bewertung außen vor.
Zweitens wurden Studien mit kranken Menschen, also solchen mit konkreten Beschwerden, in denen CBD eventuell lindernd wirken könnte, explizit ausgeschlossen. Das bedeutet: Alle positiven Effekte, die sich in einem medizinischen oder krankheitsnahen Kontext zeigen könnten, wurden von vornherein ausgeblendet.
Beides zusammengenommen führt zu einer paradoxer Wirkung: Die Studie erhebt den Anspruch, die Risiken und den Nutzen von frei verkäuflichem CBD-Öl zu bewerten – untersucht aber Produkte, die so kaum konsumiert werden, und Menschen, für die CBD oft gar nicht gedacht ist.
Produkte mit sogenannten Vollspektrum-Extrakten, die neben CBD auch weitere Cannabinoide, Terpene oder Flavonoide enthalten, wurden explizit ausgeschlossen, sofern ihre Zusammensetzung nicht exakt spezifiziert war. In der Methodik heißt es:
“Studies in which Cannabis, a combination of CBD and Δ9-THC, or unspecified hemp extracts were administered were not included into the assessment.”
Damit fallen nicht nur THC-haltige Produkte heraus, was aus regulatorischer Sicht nachvollziehbar ist, sondern auch ein Großteil der legalen Vollspektrum-CBD-Öle, die zwar weniger als 0,2 % THC enthalten, aber aufgrund ihrer komplexen Zusammensetzung meist nicht vollständig standardisiert sind.
Die Studienlage bezieht sich also auf eine Art von Substanz, die so im freien Handel kaum vorkommt. Das schränkt die Aussagekraft der Risikobewertung deutlich ein – insbesondere im Hinblick auf reale Konsummuster und das Zusammenwirken von Inhaltsstoffen, wie es bei Vollspektrum-Präparaten angenommen wird. Gerade die mögliche Schutzwirkung begleitender Pflanzenstoffe, etwa durch den sogenannten Entourage-Effekt, bleibt in dieser Betrachtung außen vor.
Das Problem: Gerade diese Formen – also Breitspektrum- und Vollspektrum-Extrakte – dominieren den CBD-Markt. Sie enthalten neben CBD auch andere Cannabinoide, Terpene oder Flavonoide, die potenziell zu einer anderen Wirkung führen können als reines CBD – sei es verstärkend, abschwächend oder modulierend (Stichwort Entourage-Effekt).
Indem die Autoren solche Produkte und Studien systematisch ausschließen, bleibt ein großer Teil der realen Konsumwirklichkeit unberücksichtigt. Wer aber nur das untersucht, was auf dem Markt kaum jemand nutzt, und das ignoriert, was verkauft wird, zieht am Ende Schlussfolgerungen über ein Produkt, das in der Praxis ganz anders aussieht.
Zudem handelt es sich bei der Untersuchung nicht um eine systematische Metaanalyse, sondern um ein sogenanntes Narrative Review. Das bedeutet: Es gibt keine einheitliche Methodik zur Studienauswahl, keine quantitative Bewertung der Effektstärken, keine formalisierte Bewertung möglicher Verzerrungen (Bias), und auch keine Berechnung eines Gesamtnutzens. Die SKLM folgt damit einer formell zulässigen, aber selektiven Auswertungsstrategie, bei der der Erkenntnisgewinn maßgeblich von den gewählten Einschlusskriterien abhängt.
Doch genau hier beginnt die Schieflage der Analyse. Denn die SKLM blendet zwei zentrale Aspekte weitgehend aus: Erstens ignoriert sie nahezu vollständig die große Bandbreite an realen Verzehrsmengen. Zweitens lässt sie zentrale Anwendungsbereiche, wie etwa die begleitende Einnahme bei chronischen Schmerzen oder stressassoziierten Symptomen, methodisch außen vor. Selbst Studien, die in niedrigeren Dosierungen positive Effekte nahelegen, etwa auf Schlaf oder Anspannung, werden nur am Rande erwähnt oder mit knappen Begründungen ausgeschlossen.
2. Ein zu enger Blick auf die Risiken?
Die SKLM kommt zu einem klaren Urteil: Schon bei einer täglichen Aufnahme von 4,3 Milligramm CBD pro Kilogramm Körpergewicht – also rund 300 mg bei einem 70-Kilo-Menschen – seien Nebenwirkungen auf die Leber nachgewiesen worden. Eine niedrigere Dosis wurde in den zitierten Studien nicht untersucht, weshalb ein sogenannter NOAEL (No Observed Adverse Effect Level) nicht abgeleitet werden konnte. Genau diese Lücke wird jedoch zur tragenden Säule der Risikobewertung:
„Based on the available human data, 300 mg CBD/day (4.3 or 5 mg CBD/kg bw/day for a 70 or 60 kg adult, respectively), can be considered the lowest observed adverse effect level (LOAEL) in humans, while a no observed adverse effect level (NOAEL) cannot be derived.“ (Abschnitt 1.4)
Formal ist dieses Vorgehen korrekt – denn wenn keine niedrigere Dosis untersucht wurde, lässt sich auch kein sicherer Schwellenwert definieren. Doch genau darin liegt das methodische Dilemma: Die Schlussfolgerung ist nicht falsch, aber sie entsteht aus einem Datenvakuum. Und dieses Vakuum betrifft genau die Dosierungen, in denen CBD-Öle im Alltag typischerweise verwendet werden.
Die Studienlage klammert also systematisch niedrigere Dosierungen aus – etwa jene im Bereich von 5 bis 50 mg pro Tag, wie sie im freien Handel verbreitet sind. Ob diese Einnahmemengen womöglich keine relevanten Nebenwirkungen erzeugen, bleibt ungeklärt. Für eine differenzierte Risikobewertung wäre genau das jedoch essenziell. Denn zwischen 20 Tropfen eines 5 %igen Öls und 300 mg hochreinem CBD liegen Welten.
Zudem bleiben wichtige Informationen zur Dosis-Wirkungs-Beziehung unbeachtet. In den Studien, die zur Festlegung des LOAEL herangezogen wurden, traten erhöhte Leberwerte nicht flächendeckend auf, sondern lediglich bei einem Teil der Probanden. In einer häufig zitierten Untersuchung erhielten gesunde Erwachsene täglich 1500 mg CBD – das entspricht etwa 20 mg pro Kilogramm Körpergewicht und liegt damit beim Fünffachen des LOAEL sowie beim Dreißigfachen gängiger Alltagsempfehlungen. Die Reaktion der Leber war uneinheitlich:
„In 7 out of 16 subjects (~44%), ALT exceeded the upper limit of normal (ULN) levels. In five of the subjects (~31%) ALT was even >5× ULN along with elevated levels of AST, ALP and GGT, while bilirubin remained unchanged.“
(SKLM-Studie, Abschnitt 5.1.2)
Diese Zahlen sind ohne Frage relevant. Doch sie belegen keine flächendeckend toxische Wirkung. Vielmehr zeigen sie: Selbst bei extrem hohen Dosierungen spricht weniger als die Hälfte der Probanden mit auffälligen Leberwerten an – und nicht alle dieser Werte liegen im pathologischen Bereich. Dass ausgerechnet diese Hochdosisstudie zur Bestimmung des niedrigsten beobachteten negativen Effektniveaus (LOAEL) herangezogen wird, ist methodisch zwar nachvollziehbar, doch inhaltlich fragwürdig. Denn es bleibt offen, ob niedrigere Dosierungen möglicherweise keine oder deutlich weniger Reaktionen hervorrufen würden – was aufgrund der fehlenden Daten jedoch nicht überprüft werden konnte.
Ein weiterer Schwachpunkt: die unklare Bewertung reversibler Effekte.
Die SKLM erwähnt zwar, dass erhöhte Leberwerte nach dem Absetzen von CBD in der Regel wieder zurückgehen, doch sie stellt diesen Aspekt nicht in den größeren toxikologischen Kontext. Im Rahmen der Bewertung von Lebensmitteln gilt: Reversible Effekte – etwa vorübergehende Enzymerhöhungen – gelten nicht automatisch als gesundheitlich relevant, wenn keine strukturellen oder dauerhaften Schädigungen entstehen.
Statt diesen Aspekt differenziert zu diskutieren, argumentiert die SKLM eher spekulativ:
„It is controversial whether these effects on the liver can be regarded as adaptive and non-adverse, so that the validity of the suggested NOAEL is questionable. The changes may initially be reversible, but may result in chronic inflammation, fibrosis, and subsequently permanent liver damage. […] It should also be borne in mind that such effects may be tolerated for medicinal products that are only taken for a limited period of time, but may not be acceptable for foods/food supplements where lifelong consumption can be assumed and where the safety of a lifelong, daily intake without monitoring of liver parameters must be guaranteed.“
Diese Passage zeigt, dass die SKLM zwar die Reversibilität anerkennt, sie aber sogleich in Frage stellt – mit dem Verweis auf mögliche langfristige Folgen, ohne dafür konkrete Daten zu liefern. Dadurch entsteht der Eindruck eines Worst-Case-Denkens, das zwar vorsorglich motiviert sein mag, aber eine sachliche Differenzierung zwischen vorübergehender Leberreaktion und echter Lebertoxizität vermissen lässt.
Auch die Übertragbarkeit von Tierstudien auf den Menschen wird kaum kritisch hinterfragt. Zwar zeigt sich in verschiedenen Ratten- und Affenmodellen eine Erhöhung von Leberenzymen bei sehr hohen Dosen – teilweise im Bereich von 100 bis 300 mg pro Kilogramm Körpergewicht. Das entspräche beim Menschen Mengen von 7.000 bis 21.000 mg CBD täglich, also jenseits jeder realistischen Aufnahmemenge durch Nahrungsergänzungsmittel. In der SKLM-Studie heißt es etwa:
„At doses ≥ 115 mg/kg bw/day, relative liver weight was elevated in both sexes.“ (Abschnitt 5.1.1 „Liver“)
Solche Dosierungen wurden in OECD- und GLP-konformen 90-Tage-Studien an Ratten verabreicht – mit entsprechenden Effekten auf das Lebergewicht und histologische Veränderungen. Allerdings bleibt im Papier offen, wie diese Befunde im Kontext typischer menschlicher CBD-Einnahmen zu bewerten sind. Es fehlt die Einordnung, dass derartige Tiermodelle zwar toxikologische Hinweise liefern, jedoch nicht einfach auf die menschliche Alltagspraxis übertragbar sind – schon gar nicht, wenn die Dosierungen um ein Vielfaches über dem LOAEL von 4,3 mg/kg liegen.
Hinzu kommt: Während die SKLM korrekt darauf hinweist, dass bereits in Humanstudien bei 4,3 mg/kg erste Lebereffekte beobachtet wurden, blendet sie zugleich aus, dass dieser Schwellenwert in der Praxis nur durch sehr hohe CBD-Gaben erreicht oder überschritten wird – etwa durch mehrere Pipettenzüge eines stark konzentrierten 30%-Öls. Alltagsnahe Dosierungen, wie sie von Konsumenten üblicherweise verwendet werden (z. B. 25–50 mg pro Tag), liegen meist deutlich darunter.
Gerade in der Risikobewertung wäre es jedoch entscheidend, zwischen toxikologischen Extremszenarien und realitätsnaher Anwendung zu unterscheiden – sowohl was die Dosis, als auch was die pharmakokinetischen Unterschiede zwischen Mensch und Tier betrifft.
Kurzum: Der Fokus der Studie liegt klar auf dem Risiko – aber ohne ausreichend zu differenzieren, wie dieses Risiko im Verhältnis zur tatsächlichen Konsumrealität zu bewerten ist. Diese Engführung erschwert eine ausgewogene Betrachtung und verstärkt den Eindruck, CBD sei schon bei geringen Mengen ein potenzielles Gesundheitsrisiko. Das verzerrt das Bild und steht im Widerspruch zu internationalen Bewertungen, etwa der WHO, die CBD in Reinform als sicher einstuft – bei üblichen Dosierungen und unter Einhaltung produktspezifischer Qualitätsstandards.
3. Die Wirkung wird mit zweierlei Maß gemessen
Die SKLM-Studie betont mehrfach, dass es keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege für positive Effekte von CBD im Dosisbereich unterhalb des LOAEL gebe – also unterhalb von 4,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Im Umkehrschluss wird daraus gefolgert: Wenn der Nutzen nicht belegt ist, aber das Risiko bereits bei dieser Schwelle beginnt, überwiegt das Risiko.
Ein weiterer Schwachpunkt: die Bewertung der Risiken und Nutzen folgt unterschiedlichen Maßstäben. Während bereits leichte, temporäre Anzeichen wie eine erhöhte Lebertransaminase bei Einzelpersonen als Beleg für eine Schädigung gewertet werden, wird auf der anderen Seite für eine positive Wirkung ein methodisch nahezu lupenreines Studiendesign verlangt – mit Placebokontrolle, statistischer Signifikanz, großer Probandenzahl und idealerweise mehreren unabhängigen Replikationen. Diese Asymmetrie fällt auf.
Die Autoren der SKLM-Studie schreiben wörtlich:
“No scientific evidence from randomized placebo-controlled clinical trials in healthy subjects for beneficial effects of oral CBD at or below 300 mg/day was found for any of the health claims assessed. […] In all cases, the data from human studies showed either no beneficial effects, inconsistent results or methodological limitations (e.g., lack of placebo control, low number of participants, lack of blinding, or short duration).”
(Abschnitt 7, SKLM-Studie)
Diese strenge Beurteilung mag wissenschaftlich korrekt sein – und entspricht den Anforderungen für gesundheitsbezogene Angaben bei Lebensmitteln. Doch im Zusammenspiel mit einer Risikoabwägung, die sich teils auf einzelne biochemische Marker bei wenigen Probanden stützt, ergibt sich ein Ungleichgewicht. Anders formuliert: Die Latte für den Nutzen liegt hoch, die Schwelle für das Risiko dagegen niedrig.
Gerade aus pharmakologischer Sicht ist das erklärungsbedürftig. Denn selbst zugelassene Medikamente in der Schmerz- oder Angsttherapie basieren häufig auf komplexen Wirkmechanismen mit überschaubaren Effektstärken. Im Fall von CBD wäre zumindest eine offenere Diskussion über den bestehenden Forschungsstand angebracht – statt eine risikoorientierte Bewertung allein auf Basis der formalen Evidenzlage vorzunehmen.
CBD wird hier nicht wie ein funktioneller Pflanzenstoff bewertet, sondern wie ein Arzneimittel, das höchste Beweisstandards erfüllen muss, obwohl es als Nahrungsergänzungsmittel diskutiert wird. Diese Maßgabe führt zwangsläufig zu einem unausgewogenen Ergebnis: Die Risiken erscheinen gesichert, die Wirkungen dagegen unbewiesen. Dass viele Nutzer CBD dennoch als hilfreich empfinden – bei Schlafproblemen, Stress, Unruhe oder Schmerzen – wird in der Studie zwar erwähnt, aber pauschal mit dem Fehlen „wissenschaftlicher Belege“ abgetan. Damit verkennt die SKLM nicht nur die Erfahrungswerte der Konsumenten, sondern auch die wissenschaftliche Realität: Studien mit gesunden Probanden in niedriger Dosierung sind selten – schlicht weil sie teuer und forschungsseitig wenig attraktiv sind. Auch dass viele frühere Studien an Patienten stattfanden, wird gegen CBD ausgelegt, obwohl es methodisch sinnvoll ist, Effekte zunächst in Populationen mit Symptombelastung zu untersuchen.
Hinzu kommt ein erkenntnistheoretisches Dilemma: Wenn die Mindestdosis in vielen Studien aus regulatorischen Gründen bereits auf dem LOAEL oder darüber liegt, ist es kaum möglich, positive Effekte unterhalb dieser Schwelle nachzuweisen – weil sie schlicht nicht erforscht werden. Die SKLM erkennt das Problem zwar an, zieht daraus aber keine methodenkritischen Schlüsse. Stattdessen lautet die argumentative Kurzformel: „Was nicht bewiesen ist, wirkt nicht.“ Doch diese Logik blendet aus, dass fehlende Evidenz nicht mit fehlender Wirksamkeit gleichzusetzen ist. Es fehlt nicht nur an Beweisen – es fehlt auch an Forschung.
Besonders irritierend wirkt in diesem Zusammenhang, dass die molekularen Wirkmechanismen von CBD sehr wohl bekannt sind – und von der SKLM selbst ausführlich dargestellt werden. Dort ist nachzulesen, wie CBD auf unterschiedlichste Rezeptoren wirkt: als Agonist auf 5-HT1A (Serotonin) und TRPV1 (Schmerzregulation), als Antagonist auf CB1/CB2 (Endocannabinoid-System) und als positiver Modulator von GABA-A-Rezeptoren (beruhigende Wirkung). Auch Wechselwirkungen mit Dopamin-, Adenosin-, Opioid- oder PPARγ-Rezeptoren werden beschrieben.
„CBD can interfere with numerous receptors and signaling pathways both in vitro (in a concentration range of 0.01–100 µM) and in vivo, triggering a myriad of biological effects. In its scientific opinion, EFSA highlighted the necessity of considering these receptor interactions when assessing the safety of CBD. […] Agonistic effects at the serotonin receptor 5-HT1A and transient receptor potential vanilloid 1 (TRPV1) channels may contribute to anxiolytic and analgesic effects […]. CBD has also been reported to act as a positive allosteric modulator of gamma-aminobutyric acid type A (GABA-A) receptors, which could contribute to its anxiolytic, anti-seizure, and analgesic effects.“
(Abschnitt 3, SKLM-Studie)
Diese biochemische Komplexität – die in der Arzneimittelforschung oft als Voraussetzung für eine therapeutische Wirkung interpretiert wird – wird im Risikoteil der Studie jedoch ausschließlich als Unsicherheitsfaktor betrachtet. Die vielfältige Rezeptorbindung gelte dort als Hinweis auf potenzielle Nebenwirkungen und Interaktionen. Dass dieselben Mechanismen aber auch eine physiologische Wirkung erklären könnten, wird in der Nutzenbewertung nicht weiterverfolgt.
Diese methodische Einseitigkeit fällt auf.
Gerade weil CBD offenbar an mehreren bekannten Regulationssystemen ansetzt, wäre es naheliegend, zumindest die Möglichkeit positiver Effekte stärker in die Gesamtbewertung einzubeziehen – selbst wenn die klinische Studienlage lückenhaft ist. In der aktuellen Studienlogik wird hingegen jeder molekulare Angriffspunkt als Risikofaktor interpretiert, nie aber als Wirkpfad. Diese Asymmetrie verstärkt den Eindruck, dass hier nicht mit gleichem Maß gemessen wird.
Fazit: Die Studie misst mit zweierlei Maß. Für das Risiko reichen einzelne Studien und biochemische Marker – für den Nutzen werden hohe Anforderungen an klinische Beweise gestellt. Diese methodische Schieflage macht eine ausgewogene Bewertung unmöglich und verhindert einen differenzierten gesellschaftlichen Diskurs über Chancen und Risiken von CBD.
4. Der wissenschaftliche Maßstab bleibt uneinheitlich

Die SKLM gibt vor, eine strenge wissenschaftliche Bewertung vorzunehmen. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Die Kriterien für die Auswahl, Bewertung und Gewichtung von Studien sind nicht einheitlich, sondern folgen einer selektiven Logik, die Risiken sichtbar macht, potenzielle Nutzen aber systematisch ausblendet.
Ein zentrales Problem liegt in der Einengung der Datenbasis auf sogenannte narrative Reviews. Die Autoren greifen vor allem auf bereits vorhandene Bewertungen der EFSA sowie ausgewählte Humanstudien zurück – allerdings ausschließlich solche, die Reinsubstanzen (ca. 98 % reines CBD) in klar definierter oraler Dosierung an gesunden Probanden untersuchen. Damit wird ein großer Teil der verfügbaren Literatur von vornherein ausgeschlossen: Studien mit Patienten, Studien zu CBD in Kombination mit anderen Cannabinoiden, Studien mit niedrigeren Dosen oder mit längerer Anwendungsdauer, Studien zu Vollspektrum-Extrakten, In-vitro-Daten, Tierstudien mit übertragbaren Ergebnissen – sie alle werden entweder ausgeklammert oder am Rande erwähnt, aber nicht in die Nutzenbewertung einbezogen.
Gerade bei pflanzlichen Stoffen wie CBD ist diese Reduktion auf pharmazeutische Reinsubstanz-Studien realitätsfern. Die meisten Konsumenten verwenden Öle, die neben CBD auch andere Cannabinoide, Terpene und Pflanzenstoffe enthalten. Diese Zusammensetzung entspricht dem natürlichen Wirkprofil der Pflanze – Stichwort Entourage-Effekt – und kann die Wirkung deutlich beeinflussen. Dass die SKLM diese Form der Einnahme nicht berücksichtigt, obwohl sie dem Konsumverhalten der Mehrheit entspricht, untergräbt die Aussagekraft der Nutzenanalyse.
Auffällig ist auch, wie selektiv mit unerwünschten Wirkungen umgegangen wird. So werden reversible Erhöhungen von Leberenzymen – wie sie auch bei gängigen Medikamenten vorkommen – als Beleg für potenzielle Toxizität gewertet. Gleichzeitig wird kaum gewichtet, wie viele Personen betroffen waren, wie hoch die Enzymwerte tatsächlich lagen oder ob sie in einem klinisch relevanten Bereich waren. Auch der Umstand, dass solche Effekte in klinischen Settings unter Hochdosisgabe auftreten, wird selten kontextualisiert. Studien mit niedrigeren Dosen und ohne auffällige Nebenwirkungen, wie z. B. jene mit 300 mg CBD pro Tag in einer Studie zu emotionaler Erschöpfung bei Pflegepersonal, werden zwar erwähnt – aber ohne Einfluss auf die grundsätzliche Bewertung.
Die Grenze zwischen Arzneimittelbewertung und Lebensmittelbewertung verschwimmt zudem auffällig. Während die Autoren klar betonen, dass CBD als Novel Food keinen Arzneimittelstatus hat und daher keinerlei gesundheitliche Wirkung zugesprochen werden darf, erfolgt die gesamte Nutzenbewertung im Modus eines pharmazeutischen Dossiers. Der Fokus liegt auf randomisierten, placebokontrollierten Studien mit klinisch signifikanter Effektstärke – ein Maßstab, der selbst viele zugelassene pflanzliche Arzneimittel kaum erfüllen könnten. Dass dies bei Nahrungsergänzungsmitteln unrealistisch ist, scheint bei der SKLM keine Rolle zu spielen.
Die Anforderungen an Studienqualität, Evidenzstärke und Relevanz werden je nach Zielrichtung unterschiedlich hoch gehängt. Das Risiko wird maximal sichtbar gemacht, der mögliche Nutzen dagegen strukturell unsichtbar.
Auch methodisch bleibt die Bewertung inkonsequent. Zwar wird betont, dass die Bewertung auf der EFSA-Leitlinie für Risiko-Nutzen-Abwägungen basiert, durchgeführt wurde jedoch lediglich das erste Bewertungsniveau (Tier 1), das auf einer groben Abschätzung beruht. Eine weitergehende Analyse (z. B. unter Einbezug quantitativer Nutzen-Risiko-Berechnungen wie DALYs oder QALYs) unterblieb – mit der Begründung, das Ergebnis sei eindeutig. Doch genau diese Entscheidung ist fragwürdig: Wenn schon das Erkenntnisinteresse auf eine differenzierte Bewertung abzielt, warum wurde dann keine genauere Nutzen-Risiko-Abwägung vorgenommen, wie sie die EFSA explizit vorsieht?
Die Anforderungen an Studienqualität, Evidenzstärke und Relevanz werden je nach Zielrichtung unterschiedlich hoch gehängt. Das Risiko wird maximal sichtbar gemacht, der mögliche Nutzen dagegen strukturell unsichtbar.
5. Die Studienlage wird als endgültig dargestellt – ist sie aber nicht
Ein zentrales Argument der SKLM lautet: Für die angeblichen gesundheitlichen Effekte von CBD gebe es bei Einnahme als Lebensmittel keine belastbaren Belege. Das klingt nach Klarheit, nach Abschluss der wissenschaftlichen Diskussion. Doch genau das ist irreführend – denn die Studienlage ist keineswegs abgeschlossen. Im Gegenteil: Sie ist im Fluss, komplex, und vor allem in vielerlei Hinsicht uneindeutig.
Erstens: Die Studienlage ist lückenhaft – aber nicht nichtssagend. Die SKLM bemängelt, dass es für die meisten verbreiteten Health Claims zu CBD – etwa in Bezug auf Schlaf, Stress, Schmerzen oder Entzündungen – keine evidenzbasierten Aussagen gebe. Tatsächlich gibt es aber zahlreiche Einzelstudien, systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen, die auf potenzielle Effekte hinweisen. Diese sind mal stärker, mal schwächer, oft abhängig von Dosis, Darreichungsform und Studiendesign. Dass sie nicht den höchsten Ansprüchen an randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien mit großer Fallzahl genügen, stimmt – das ist bei pflanzlichen Wirkstoffen jedoch nicht ungewöhnlich. Viel entscheidender ist: Sie existieren. Und sie liefern Hinweise, nicht Beweise – aber Hinweise sind in der Risikokommunikation durchaus von Bedeutung.
Zweitens: Die Auswahl der Studien ist durch das Studiendesign künstlich verengt. Die SKLM berücksichtigt ausschließlich Studien mit oral verabreichtem, nahezu reinem CBD (≥98 %) in exakt definierter Dosierung an gesunden Menschen – also nicht an Patientengruppen. Das ist legitim, aber auch begrenzend: Denn viele Effekte von CBD zeigen sich erst im therapeutischen Kontext – etwa bei Angststörungen, Epilepsie, Schmerzen oder Entzündungsprozessen. In diesen Bereichen gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen, die zwar nicht im Lebensmittelkontext angesiedelt sind, aber dennoch Rückschlüsse auf die Wirkung im Körper zulassen. Solche Daten vollständig auszublenden, bedeutet auch, das Potenzial der Substanz nicht vollständig zu erfassen.
Drittens: Der Bezug zur Lebensrealität der Verbraucher fehlt. Die Studienlage wird aus Sicht der SKLM nur dann relevant, wenn sie sich exakt im Dosisbereich unterhalb des „Lowest Observed Adverse Effect Level“ (LOAEL) von 4,3 mg/kg Körpergewicht bewegt. Das entspricht etwa 300 mg CBD pro Tag für einen 70-kg-Erwachsenen – eine Menge, die viele Konsumenten gar nicht regelmäßig einnehmen. Viele Anwender berichten von positiven Effekten bereits bei deutlich niedrigeren Dosen (10–50 mg pro Tag), wie sie bei üblichen CBD-Ölen vorkommen. Dass es genau in diesem mittleren Dosisbereich kaum Studien gibt, ist korrekt. Doch statt dies als Forschungsdesiderat zu benennen, deutet die SKLM die Lücke kurzerhand als Beleg für Wirkungslosigkeit um – ein logischer Kurzschluss.
Viertens: Die Metastudie suggeriert wissenschaftliche Endgültigkeit, wo nur ein Zwischenstand vorliegt. Die Autorinnen und Autoren schreiben von einer „narrativen Übersicht“, die dem Stand der Wissenschaft entspricht – doch das ist keine systematische Meta-Analyse. Die angewandte Methodik bleibt im Ungefähren, es wird weder die Qualität der eingeschlossenen Studien bewertet noch deren Aussagekraft systematisch gewichtet. Die Annahme, man könne aus dieser Sammlung eine generelle Aussage über die Wirkungslosigkeit von CBD bei Einnahme als Lebensmittel ableiten, ist also wissenschaftlich gewagt.
Fünftens: Studien, die Hinweise auf positive Effekte geben, werden als irrelevant deklariert. Beispielhaft sei die Studie aus Brasilien genannt, bei der 300 mg reines CBD pro Tag über 4 Wochen bei Pflegekräften im Corona-Dienst zu einer signifikanten Verbesserung des psychischen Wohlbefindens führte – inklusive Rückgang von Angst und emotionaler Erschöpfung. Zwar erwähnt die SKLM diese Studie – wertet sie aber nicht in die Nutzenanalyse ein, mit der Begründung, dass sie keinen generellen Nachweis liefere. Doch wenn ein positives Ergebnis in einer randomisierten Studie mit gesunden Erwachsenen ignoriert wird, während man gleichzeitig auf die Abwesenheit positiver Studien verweist, entsteht ein Zirkelschluss.
Fazit: Die SKLM erhebt den Anspruch, die Studienlage abschließend bewertet zu haben – doch tatsächlich blendet sie zentrale Teile der wissenschaftlichen Literatur aus, ignoriert Hinweise auf potenzielle Effekte und verwechselt Forschungslücken mit Beweisen für Wirkungslosigkeit. Wer auf dieser Grundlage regulatorische Entscheidungen treffen will, muss sich die Frage gefallen lassen: Geht es hier um Wissenschaft – oder um Absicherung?
6. Was als Nebenwirkung bewertet wird, wäre in anderem Kontext akzeptabel
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt an der SKLM-Stellungnahme betrifft den Umgang mit Nebenwirkungen – insbesondere die Bewertung erhöhter Leberwerte als „nicht akzeptabel“. Diese Einschätzung mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen, schließlich gelten für Lebensmittel strengere Maßstäbe als für Arzneimittel. Doch der genaue Blick offenbart: Der Maßstab, der hier angelegt wird, ist nicht durchgängig konsistent – weder innerhalb der Stellungnahme selbst, noch im Vergleich zu anderen Substanzen oder Risikobewertungen im Lebensmittelbereich.
Erstens: Die Leberwerte steigen – aber sie sinken auch wieder. Mehrere der von der SKLM herangezogenen Humanstudien belegen eine Erhöhung der Transaminasen (ALT, AST), teils auch GGT und ALP – also klassische Marker für Leberbelastung. In der Regel traten diese Veränderungen bei Dosen ab 4,3 mg/kg Körpergewicht auf, also rund 300 mg pro Tag für einen 70 kg schweren Erwachsenen. Doch diese Effekte waren reversibel: Nach dem Absetzen des CBD normalisierten sich die Werte in den meisten Fällen rasch. In vielen Studien blieben die Bilirubinwerte stabil, was gegen eine ausgeprägte Leberschädigung spricht. Aus Sicht der Arzneimittelsicherheit wäre das ein beherrschbares Risiko – vergleichbar mit vielen anderen Substanzen, die Leberenzyme beeinflussen, ohne dass ihre Einnahme grundsätzlich in Frage gestellt wird.
Zweitens: Die SKLM argumentiert mit einem Maßstab, den sonst kaum jemand anlegt. In der Lebensmittelbewertung gilt grundsätzlich, dass unerwünschte Wirkungen möglichst vermieden werden sollen. Doch das bedeutet nicht, dass jede messbare Veränderung automatisch ein Gesundheitsrisiko darstellt. Eine Erhöhung von Leberenzymen kann auch durch eine harmlose temporäre Anpassung der Leberaktivität entstehen – etwa durch bestimmte Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Fastenphasen, Sport oder Medikamente. Wenn die SKLM nun die Erhöhung dieser Werte als Beweis für eine Unverträglichkeit deutet, fehlt die notwendige Differenzierung: Handelt es sich um toxische Schädigung, adaptive Anpassung – oder um eine biologische Nebenwirkung ohne klinische Relevanz?
Drittens: Die Bewertung der Reversibilität ist doppelt uneinheitlich. In der Tierstudienlage – insbesondere in den GLP-konformen OECD-Studien mit Ratten – wurde bei Leberveränderungen wie Hepatozyten-Hypertrophie oder Gewichtsveränderungen explizit diskutiert, ob es sich um reversible, adaptive Prozesse handelt. Die Studienautoren argumentieren: Ja, es sei reversibel, also nicht bedenklich. Die SKLM wiederum widerspricht und hält eine spätere Fibrose oder Leberschädigung für möglich – obwohl dafür kein direkter Nachweis vorliegt. Wenn aber bei reversiblen Effekten in Tierstudien das Worst-Case-Szenario angenommen wird, gleichzeitig aber in Humanstudien die vollständige Rückbildung nicht berücksichtigt wird, wird mit zweierlei Maß gemessen.
Viertens: Die Gefährdung wird unabhängig von der Exposition bewertet. Der LOAEL von 4,3 mg/kg Körpergewicht pro Tag wird von der SKLM als kritischer Schwellenwert genannt. In einem der Beispiele im Anhang zeigt sie auf, dass 30 Tropfen eines 20 %igen CBD-Öls diesen Wert überschreiten können. Diese Rechnung mag rechnerisch stimmen – ist aber in der Lebensrealität eher die Ausnahme. Viele Nutzer nehmen deutlich niedrigere Mengen zu sich, oft im Bereich von 10–50 mg CBD/Tag – also etwa ein Zehntel der kritischen Dosis. Dass gerade für diesen Bereich kaum Studien existieren, wäre ein Argument für weitere Forschung, nicht für pauschale Risikoannahmen.
Fünftens: Der Unterschied zwischen Arzneimittel und Lebensmittel wird überdehnt. Die SKLM betont, dass im Arzneimittelbereich Risiken akzeptiert werden dürfen, wenn ein therapeutischer Nutzen gegeben ist – im Lebensmittelbereich hingegen nicht. Das ist prinzipiell richtig. Doch diese Trennung darf nicht zur Abwertung funktioneller Lebensmittel führen, bei denen ein potenzieller Nutzen für die Lebensqualität durchaus eine Rolle spielen kann – etwa im Bereich Schlaf, Stress, Schmerz oder Entzündung. Solange der Nutzen nicht ausgeschlossen werden kann und die Risiken moderat und beherrschbar bleiben, sollte ein ausgewogenes Verhältnis gefunden werden. Genau das aber fehlt in der Bewertung der SKLM.
Fazit: Die SKLM bewertet Nebenwirkungen in einer Weise, die wenig Raum für Einordnung, Differenzierung und Alltagsrelevanz lässt. Der Maßstab ist so streng, dass kaum eine andere pflanzliche Substanz ihn bestehen würde. Dass reversible, dosisabhängige und meist moderate Veränderungen der Leberwerte als kategorischer Ausschlussgrund dienen, wirkt wissenschaftlich überzogen und lebensfremd. Es entsteht der Eindruck: Hier soll weniger differenziert gewarnt – als pauschal ausgeschlossen werden.
7. Fazit: Eine überfällige Debatte, aber bitte mit mehr Augenmaß
Die Stellungnahme der SKLM ist ohne Frage ein bedeutender Beitrag zur öffentlichen Diskussion über die Sicherheit von CBD in Lebensmitteln. Sie bringt wichtige Aspekte auf den Tisch: potenzielle Risiken für die Leber, offene Fragen zur Langzeitsicherheit, problematische Produktqualität auf dem Markt. Das verdient Aufmerksamkeit – und Regulierung. Doch die Art und Weise, wie die Risiken kommuniziert und der Nutzen pauschal verworfen wird, lässt an wissenschaftlicher Ausgewogenheit zu wünschen übrig.
Der Ton der Stellungnahme ist eindeutig: CBD ist gefährlich und wirkt nicht. Punkt. Eine solche Position wirkt apodiktisch und lässt kaum Raum für wissenschaftliche Grauzonen oder offene Forschungsfragen. Der Bericht geht mit großem Eifer gegen vermeintliche Mythen vor, schafft aber selbst ein neues: dass CBD per se bedrohlich sei, solange es nicht pharmazeutisch eingesetzt werde. Genau dieses Schwarz-Weiß-Denken verhindert oft eine konstruktive Auseinandersetzung mit komplexen Stoffen, die sich eben nicht eindeutig als „gut“ oder „schlecht“ klassifizieren lassen.
Was fehlt, ist der Blick auf das große Ganze. CBD ist kein Wundermittel – das war es nie. Aber es ist auch kein synthetischer Fremdkörper mit unkontrollierbaren Risiken. Es gehört zu einer Pflanze, die Menschen seit Jahrtausenden nutzen, und deren Wirkstoffe sich nicht ohne Weiteres nach pharmazeutischer Logik sezieren lassen. Die Wirkung von CBD hängt von vielen Faktoren ab: Dosis, Darreichungsform, individuellen Voraussetzungen, Begleitstoffen. Wer all das ignoriert, reduziert die Realität auf das, was sich in kontrollierten Studien isolieren lässt – und verpasst womöglich genau das, was den Stoff in der Praxis relevant macht.
Ein regulatorischer Rahmen ist notwendig – aber nicht mit der Brechstange. Es ist richtig, dass der Markt für CBD-Produkte bislang zu wenig kontrolliert wurde. Etiketten, die Fantasiewerte angeben, unzulässige Gesundheitsversprechen und riskante THC-Beimischungen müssen verschwinden. Aber zwischen „Wildwuchs“ und „Verbot“ gibt es zahlreiche Zwischentöne. Es wäre sinnvoller, realistische Grenzwerte festzulegen, Studien zu fördern, statt nur ihre Abwesenheit zu beklagen, und den Konsum nicht zu dämonisieren, sondern zu begleiten. Dazu gehört auch: Verbraucher aufzuklären, nicht zu bevormunden.
CBD verdient eine differenzierte Debatte. Wer pauschal urteilt, verhindert Fortschritt. Wer jedoch anerkennt, dass die Datenlage sowohl Chancen als auch Risiken offenbart, schafft Raum für eine klügere Regulierung – und für eine bessere Wissenschaft. Die SKLM-Stellungnahme mag in ihrer Klarheit hilfreich sein. Ihre Unwucht aber macht deutlich: Die Debatte über CBD steht erst am Anfang. Es ist höchste Zeit, sie mit mehr Augenmaß zu führen.
Quellenangaben
Link zur Studie „Cannabidiol in Foods and Food Supplements: Evaluation of Health Risks and Health Claims“
Link zum Begleitartikel der DFG
Link zur Mitteilung der Uni Würzburg